im Zuckerland
September 21st, 2006yet to come…
yet to come…
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Ich möchte in diesem Bericht eine ungefähre Beschreibung meiner Doktorarbeit und meines Uni-Alltags geben, damit ihr auch den Überblick habt, was ich hier außer Reisen und Sonnetanken noch tue… Ich schreibe aber mit Absicht „ungefähr“, da selbst ich manchmal noch mit unerwarteten Wendungen in der Definition meines Projekts rechne. In meinem Stipendiumsantrag damals hatte ich angegeben, durch operante Konditionierung das Farbensehen und Lernverhalten an Wallabys zu untersuchen. Die gute Nachricht: das ist auch immer noch so! Mir war auch klar, dass ich mich mit Programmieren beschäftigen werden müsse. Nach den ersten Wochen und Monaten, die ich maßgeblich damit verbracht hatte, nach Literatur zu gucken und mich in die Programmiersprache C (bzw. in den chaotischen Programmierstil meines Chefs) hineinzudenken, stand schon die erste offizielle Amtshandlung an, die ASSAB-Konferenz in Sydney – wie im Beitrag „Feuertaufe“ erläutert. Während eben dieser hat mein Chef noch mal gehörig Blut geleckt, was den Aspekt Farbensehen bei Wallabys angeht. Vorher hatten wir uns verständigt, dass es vorerst das einfachste wäre, die Tiere auf Bilder von Raub- und Beutetieren zu trainieren, um herauszufinden, inwiefern sie Bilder, Formen und deren Bedeutung erfassen und kategorisieren können. Ich hatte mich eigentlich schon in meinem Stipendiumsantrag gefragt, weswegen das Farbensehen so einen großen Teil meines Themas ausmachen sollte, wo die Ergebnisse von vor 8 Jahren doch recht eindeutig aussahen (Wallabys = dichromat). Aber während ich in Sydney meine Kontakte zu potentiellen Reisezielen ausgebaut habe, war mein Chef natürlich immer in fachlich relevante Gespräche vertieft. Anschließend hatte er 1001 neue Ideen für Experimente, und die Devise war: wir fangen mit Farbensehen an! Also hab ich mir postwendend einen beträchtlichen Stapel an Fachbüchern aus der Bibliothek geholt, da selbst mein (anderer) Chef immer wieder aufs Neue von der Theorie über Stäbchen, Zapfen etc. verwirrt ist. Das war ungefähr im Mai, und im Juni sah schon wieder alles ganz anders aus: ein ehemaliger Doktorand kam für einen Vortrag über Lerntheorien zu Besuch an die ANU. Und *schwupps* war mein Chef komplett fasziniert von der Idee, in Kooperation mit ihm sein lerntheoretisches Modell an Wallabys zu testen! Wir werden also doch keine Farbexperimente durchführen (zunächst), sondern mit Symbolen arbeiten. Während ich mir also weiterhin probiert habe, die Hintergründe zu unseren Versuchen zu verstehen, musste ich für ein zweites Experimentalsetup alle nötigen Anweisungen, Maße und Skizzen zusammenstellen, um bei der Werkstatt einen Auftrag einzureichen. Das war auch spannend, mit den Mechanikern über Dinge zu diskutieren, von denen ich doch gar keine Ahnung habe! Naja, eine gute Übung, denn das fasst meine Doktorarbeit recht treffend zusammen: blind rein!
Ein paar Worte zu eben diesem Setup: man nehme eine große schwarze Plexiglasbox, packe einen Computer, einen Microcontroller (gibt’s dafür ein deutsches Wort?), einen Flachbildschirm und einen kleinen automatisierten Fütterungsautomaten hinein, so dass von außen die Bilder auf dem Monitor sichtbar sind. Davor sind zwei dünne transparente Platten befestigt, unter denen jeweils ein Schalter sitzt. Drückt man also eine Platte, betätigt man den Schalter und – wenn man denn die richtige Platte (= das richtige Bild) gewählt hatte – bekommt von dem Fütterungsautomaten ein Futterpellet aus einem kleinen Schlitz zugerollt. Nur nebenbei erwähnt: die Auswahl des Flachbildschirms und der am besten geeigneten Pellets war auch eine langwierigere Geschichte…
Schließlich – deutlich später als von mir erhofft und von meinem Chef erwartet, da ich nun plötzlich auch Programmieren in „python“ lernen sollte – konnten wir unser erstes Setup nach draußen ins Wallaby-Gehege stellen. Meine Tests mit Soft- und Hardware haben somit bis zum australischen Winter (Juni/Juli), so dass mir frostige Besuche bei meinen Versuchstierchen bevor stehen sollten, da die Lieben ja auch noch dämmerungs- und nachtaktiv sind. Die Tierpflegerin Kelly hatte mir ein Weibchen rausgesucht, das am wenigsten scheu war: f586. Sehr unmelodisch, und mich haben auch alle Freunde immer angehalten, ich sollte ihr endlich einen Namen geben. Aber ich fand, ich müsse sie erst besser kennenlernen und etwas „Bezeichnendes“ finden – aber zu meiner sehr großen Beruhigung und Freude sah sie wirklich sehr distinkt (leicht asymmetrisches Gesichtchen) aus, während ich in den Wochen zuvor immer leicht frustriert im Gehege gesessen und versucht hatte, die grau-braunen, müffelnden, hopsenden Fellkegel auseinander halten zu können… Besonders im Anfang habe ich einen beträchtlichen Teil meiner Zeit mit f586 verbracht: langsam annähern, Pellets zuwerfen, an die Maschine und mich gewöhnen, Videokamera aufbauen und alle 2 Stunden die Kassette und Batterie wechseln, kleine „Köderklappen“ an die Platten kleben,… Die Kleine war eigentlich sehr, sehr brav und motiviert, aber unsere ersten Überwachungsvideos haben leider gezeigt, dass sie die Platten lieber zu sich ranzieht, statt sie zu drücken. Das klappt zwar irgendwie auch, wenn sie sie anschließend wieder zurückschwingen lässt, aber die zeitliche Kopplung zur Belohnung ist natürlich schlechter, und wir hatten auch ein bisschen Angst um unser Setup… Ach so: der anfängliche Trainingsstimulus besteht lediglich aus 2 weißen Felder unter den Platten, d.h. beide Seiten sind richtig und werden belohnt, bevor das Tierchen lernen muss, dass nur eine Seite positiv ist. Jedenfalls hatte ich ein bisschen Pech mit dieser ersten Phase im Training, da Madame auch noch eine Augenentzündung bekommen hat (und folglich den Namen „Eye Girl“) und wir zwischenzeitlich das gesamte Setup wieder abbauen mussten dank „animal right protestors alert“ (Tierschutzkonferenz in der Stadt mit Risiko von Übergriffen auf die Bio-Institute auf dem Campus). Im nächsten Anlauf habe ich die Platten zudem mit kleinen Klötzchen blockiert, so dass kein Anheben mehr möglich war; auch ein Erlebnis mit Chloroform, Pinsel, Latexhandschuhen und Mundschutz mitten im Außengehege zu kauern, um Plexiglas zu verkleben! Nach einer weiteren Augenentzündung haben wir Eye Girl vorerst aufgegeben und ein neues Tierchen gewählt: f685. Dieses Moppelchen war deutlich scheuer, so dass ich wieder Stunden im vollgeköttelten Gras verbracht und mit sehr ruhigen Bewegungen und Beschwichtigungen die kleine Dame umworben habe. Sie ist aber auch erst 2 Jahre alt und hat immer sehr „sehnsüchtig“ zu ihrer Herde nebenan geguckt. Von Arbeit am Setup war auch keine Spur, daher kam es im Endeffekt zu folgender Konstellation: „Eye Girl“ sollte als „Lehrerin“ fungieren und 2 jungen Tieren („Moppel“ f685 und „Skinny“ f667) beibringen, dass die schwarze Box gaaaaanz toll ist! Sobald das einigermaßen geklappt hatte, haben wir nur die beiden Kleinen behalten. Das ist der aktuelle Stand der Dinge: dank webcam (Jans Weihnachtsgeschenk – danke!) wissen wir, dass nur „Skinny“ zu arbeiten scheint, momentan muss sie es auch ohne Lock-Pellets an den Platten schaffen, und sehr bald wird sie auch nur noch für eine Seite belohnt werden. Ich kann sowohl die Tiere, als auch das Setup durchaus für 2 Tage alleine lassen, aber im Allgemeinen schaue ich an beiden Wochenendtagen mal bei ihnen vorbei. Es ist halt auch ein sehr schönes Gefühl, wenn a) man sie auseinander zu halten lernt und b) sich derart scheue Tiere so an mich gewöhnen, dass sie aus eigenen Stücken nah rankommen! Und würde in Canberra nicht jeden Tag die Sonne scheinen, würde ich vermutlich auch weniger Anreiz haben, dort draußen im Dreck zu sitzen
Mein Büroalltag besteht daraus, morgens mit Futter ins Gehege zu gehen und alles zu kontrollieren. Tagsüber kann ich von drinnen beobachten, ob am Setup was passiert dank webcam und Netzwerkverbindung zu dem Computer in der Box. Fast wie „Big Brother“
In einem deutlich anderen Ansatz nähern wir uns aber wirklich dem Thema Farbensehen: langfristig werde ich Immunocytochemie an Retinae und Elektrophysiologie an Photorezeptoren machen! Das klingt jetzt wahrscheinlich so gar nicht wie die Veggie-Wiebke, die ihr so kennt. Tja, ich bin da auch irgendwie so reingeschlittert, weil es wirklich zu einem ganzheitlicheren Projekt gehört. Leider gehen die entsprechenden Untersuchungen damit einher, überhaupt erstmal das nötige tierische Material zu bekommen. In meinem Ethikantrag hatte ich lediglich die Verhaltensversuche erwähnt, aber es ist auch kein erneuter Antrag nötig, wenn man Gewebe „recycelt“. Und so geschieht es: während der Wintermonate wurden ein paar Wallabys wegen Lungenentzündung eingeschläfert, und dann bin ich dabei und halte das kranke Tierchen fest, bis die Lauren durch die Schwanzvene eine Dosis, die einen Elefanten töten könnte, injiziert hat, und dann muss es relativ schnell gehen, die Augen aus dem noch warmen Köpfchen zu scheiden. Ich denke in diesen Momenten nie komplett darüber nach, was ich gerade tue, sonst würde ich vermutlich auch nur auf den OP-Tisch göbeln. Tatsächlich kann ich mir jedes Mal vor einer solchen Aktion nicht vorstellen, dass ICH zu so etwas überhaupt im Stande bin, noch kann ich im Nachhinein erfassen, dass ich es wirklich durchgezogen habe. Aber währenddessen geht’s irgendwie, so eklig es auch immer wieder ist! Anschließend müssen die Augäpfel natürlich noch seziert werden, um überflüssiges Gewebe loszuwerden, bevor sie in Paraformaldehyd im Kühlschrank gelagert werden. Zu meiner Sammlung aus 12 Wallaby-Augen haben sich in der Zwischenzeit auch noch 4 Katzen-Augen gesellt, die nach Experimenten der „Mammalian Neurophysiology Group“ übrig waren. Es war ein komisches Gefühl, nach dem Eingriff den kleinen Kater von Pinar & Johannes wiederzusehen, da er und mein letztes Opfer doch erstaunliche Ähnlichkeit hatten… Zu diesen Laborarbeiten gehört auch, die entsprechenden Chemikalien anzurühren, Gewebe in Wachs einzubetten, 12µm dicke Schnitte zu machen und sie zu färben, um die Morphologie der Retina zu bewerten. Das sind alles Dinge, die ich vor einem halbem Jahr weder beherrschte, noch jemals dachte anwenden zu würden!!! Naja, aber was heißt hier beherrschen: ich brauche immer noch jede Menge Hilfe, um wirklich gute Präparationen hinzubekommen. Oder viel schlimmer: ich hab mir anfangs echte Schnitzer geleistet, wie z.B. beide Augen in einem Gefäß zu lagern ohne Markierung, welches rechts und welches links war… Oder das Gewebe gründlich mit destilliertem Wasser zu spülen, bis mein Chef mir recht nebensächlich erläuterte, dass dann alle Zellen platzen. Mein kürzlichstes Missgeschick war die sorgfältige Präparation einer Retina, von der mir ein gräulicher Schleim quasi von selber entgegen kam, als ich radiale Schnitte machte, um die Retina zu plätten, ich aber weiterhin inbrünstig an der verbleibenden brauen Schicht herumgeplättet habe. Zum großen Amüsement meines Chefs durfte ich ein wenig später erfahren, dass der Schleim die Retina IST… Ich finde das Fettnäpfchen bestimmt, egal wo im Labor es versteckt ist!
Die geplante Elektrophysiologie an Photorezeptoren wird womöglich noch vor Jahresende Formen annehmen müssen, auch wenn ich damit gerne noch warten würde. Aber wir erhoffen und eine Kooperation mit der John Curtin School for Biomedical Research und – besonders – viel Geld für neue Geräte! Insofern werde ich im Austausch lernen müssen, Photorezeptoren durch winzige Pipettenöffnungen zu saugen und dann alle möglichen Reaktionen auf Lichtreize zu messen. Ich bin sehr gespannt, ob mir diese Aufgabe gefallen wird…
Ich glaube am liebsten würde ich einfach nur den ganzen Tag draußen bei meinen Mädels sitzen
Mal wieder hinke ich mit den Blogberichten um Wochen und Monate hinterher, womit meist auch die Wahrscheinlichkeit steigt, dass ich einige der vielen netten Details vergesse zu erwähnen, wenn ich denn endlich mal wieder tippend aufzuholen versuche… Das ist natürlich sehr schade, entschuldigt bitte. Ich weiß, Besserung habe ich schon mehrfach gelobt.
Dieser Bericht beginnt mit der Ankunft von Laura aus Bielefeld am 17. Mai 2006. Sie sollte für gute 5 Wochen ein paar Verhaltensexperimente mit Bienen an unserem Institut machen, da die Neurobio in Bielefeld nur mit Schmeißfliegen ausgestattet ist – und das sind keine klassischen Tierchen für Lernversuche. Ich kannte Laura bereits aus einem Biokybernetikpraktikum, das ich betreut hatte. Aber zu mehr Kontakt war es damals in Bielefeld eigentlich nicht gekommen, auch wenn ich optimistisch war, dass wir uns gut verstehen würden. Nach ihren ersten Stunden in Canberra hab ich der armen gejetlagten Laura dann angeboten, sie an den Wochenenden ein wenig herumzufahren und ihr was von Stadt und Land zu zeigen, wo ihr doch nur 5 Wochenenden zur Verfügung standen, um Australien zu sehen! Ist ja eigentlich sowieso etwas konträr, dass nun ausgerechnet ICH, die am wenigsten lange bisher hier war, die Tourguide übernommen habe
Um fast alle organisatorischen Dinge im Institut, aber auch ihre Unterkunft im Wohnheim, hat sich Norbert aus der Bielefelder Neurobio-Abteilung gekümmert, da er auch quasi ihr Betreuer sein sollte. Aber ich konnte auch auf diesem Ressort immer mal nützlich sein, z.B. als es darum ging, ihr für den gesamten Aufenthalt ein gebrauchtes, preiswertes Fahrrad zu besorgen. Zuerst konnte Laura nämlich ein nagelneues Mountainbike der Uni benutzen, musste es nachts aber immer wieder im Schuppen anschließen und mit der Rezeption über die Ausleihzeiten verhandeln. Das tolle Teil war ihr etwas ungeheuer, und sie sehnte sich nach einem „normalen Hollandrad“ – das sie in etwa auch bekam für schlappe $20 incl. Schloss, aber nach einiger Zeit (und vielen Erfahrungen mit den steilen australischen Bürgersteigen!) stieg der Reiz eines fetten Geländerads aber wieder
Nun gut, los ging es also mit der „Grand Tour“ am ersten Samstag in den Botanischen Gärten und einem anständigen Bushwalk hoch auf den Blackmountain zum Telstra Tower (ich war leider erkältet, aber so was schreckt mich ja nicht vom Wandern ab). Im Laufe der Zeit habe ich sie noch zum Parliament House, Gold Creek Village (ein paar Kilometer nördlich von Canberra), National Zoo & Aquarium (wo wir uns erfolgreich an Kängurus heranschleichen und sie streicheln konnten!), Sonnenuntergang auf dem Mount Ainslie mit Blick auf die Stadt und National Museum gefahren und begleitet. Wann immer die in den letzten Zügen ihrer Doktorarbeit liegende Yanti Zeit hatte, stieß sie zu uns für ein bisschen Abwechslung vom Tippen und anaeroben Büroleben
Von Norbert und seiner Familie wurde Laura sehr lieb aufgenommen, so dass sie zusammen die Berge der Brindabella Range, sowie die Küste bei Pebbly Beach erkundet haben (noch mehr Kängurus streicheln!). Eben diese Tour fand am langen Wochenende (Montag frei) von Lauras Geburtstag statt, der zeitgleich mit dem Nationalfeiertag „Queen’s Birthday“ ist – den die britische Elisabeth eigentlich im April feiert, aber zwecks besserer Wetterbedingungen im (nördlichen!) Sommermonat Juni nachholt. In unserem Fall ist es wahrscheinlicher, im April netteres BBQ-Wetter zu haben als im Juni, aber verlängerte Wochenenden sind dennoch willkommen
In den wenigen Wochen ihres Australienaufenthalts hatte Laura erstaunlich viele Leute kennen gelernt, zum Beispiel die Deutsche Kata auf dem Hinflug, einen Yeti-malenden Franzosen aus dem Wohnheim und von einer Party den australischen Physiker Andrew, der im Gegensatz zu dem deutschem Standardmodell (kariertes Flanellhemd in enger, hochgeschnittener Jeans, mäßig sportlich und attraktiv) wirklich sehr… wie soll ich sagen: ansprechend ist, nett und so… Jedenfalls hatte Jochen sein großes WG-Haus zur Verfügung gestellt und für Laura eine Geburtstagsfeier ausgerichtet, zu der die eben erwähnten neuen Freunde, sowie einige der üblichen Verdächtigen (Pinar & Johannes, Yanti, Alison, Jochens Mitbewohner) und diverse Kollegen kamen. Sehr nett!
Und Lauras letztes Wochenende sollte ihr wenigstens noch mal eine richtige Metropole zeigen (wo Canberra im Allgemeinen nicht jeden in Verzückung versetzt…) – wir sind nämlich von Freitag Mittag bis Sonntag Abend nach Sydney gefahren. Jochen war schon ein bisschen früher dort, um mit dem Aquarium fachliche Kontakte zu knüpfen, und er wollte am Samstag und Sonntag seinen Vater dort treffen, dessen Gruppenreise ihn über Peking und Shanghai nach Sydney führte. Wir haben bei schönstem, mildem Sonnenwetter den Circular Quay (Harbour Bridge, Opera House) incl. Fährfahrt an den Pazifikstrand Manly, den Darling Harbour incl. Fahrt mit der Monorail-Schwebebahn und Besuch im Outback-Centre für eine Vorführung über das Didgeridoo, den Botanischen Garten, das urige Viertel „The Rocks“ und einige Clubs und Kneipen auf der Szenemeile Sydneys gesehen. Es war ein schönes Wochenende, auch wenn unsere Füße uns das straffe Programm sehr übel genommen haben! Dazu kam noch, dass wir nicht gerade die erholsamsten Nächte in unserem Backpacker’s Hostel hatten, da Jochen sich erfolglos mit einer hoffnungslos durchgelegenen Matratze abfinden und Laura und ich uns im Doppelbett mit nur 1 Decke arrangieren mussten. Aber an Schlafmangel und ausgebuchte Tage kannten wir da eh schon, da eigentlich seit Tag 1 von Lauras Australienaufenthalt kaum Langeweile aufkam: viele Parties, wenige faule Wochenenden, lange to-do Listen z.B. Kino, Kneipe, Kochen, Klönen,… Außerdem gab es ja die Fußballspiele der Socceroos zu sehen, die leider meist mitten in der Nacht übertragen wurden. Aber man konnte ja nicht abschätzen, wie lange das australische Team in der WM bestehen würde! Dementsprechend haben wir uns direkt nach unserer Rückkehr aus Sydney bei Andrew einquartiert, um das letzte Vorrundenspiel gegen Brasilien mitzuerleben. Je näher Lauras Abflug rückte, umso mehr haben wir auch probiert, intensiv Zeit miteinander zu verbringen, da wir uns schon sehr an einander gewöhnt hatten. Ich hatte endlich mal wieder einen weiblichen Single (ok, ihr Freund war 20.000 km weit weg) zum Klatschen und Tratschen. Das tat nun mal richtig gut… Umso trauriger war der Abschied von ihr am 23. Juni, als wir noch viele liebe Worte und schöne Geschenke ausgetauscht haben. Naja, und seitdem schreiben wir uns sehr regelmäßige, ausführliche und vertraute Mails, außerdem werden wir uns im Dezember in Bielefeld treffen! Insofern ist es natürlich kein Ende für die Freundschaft!
Ähnlich intensiv mit einem Countdown im Hinterkopf verlief der Juni und Juli mit Yanti, die sich in den letzten Wochen vor ihrer Abgabe mein Auto geliehen hat, um selbst des Nachts zwischen Uni und dem nördlichen Stadtteil Amaroo pendeln zu können. Aber mal ehrlich: braucht man einen Vorwand?! Wer (und welche Person unter 1,60m vor allem…) sehnt sich denn nicht danach, hinter dem Steuer meines Schlachtschiffes zu sitzen?!
Man sollte ja meinen, dass sie innerhalb der letzten Jahre die meisten Sehenswürdigkeiten des ACT abgeklappert hätte, und dazu zähle ich insbesondere die wunderschöne und beeindruckende Landschaft des Tidbinbilla Nature Reserve. Aber mal wieder wurde ich – australischer Grünschnabel – zu ihrem Tourguide vor ihrer Rückkehr nach Malaysia. Nur zum Sonnenuntergang auf den Mount Ainslie wollte sie mit mir nicht, das klang ihr zu lesbisch… Während sie noch in den letzten Kapiteln ihrer Arbeit hing, probierte ich ihr zu helfen, so gut es ging, z.B. durch den fahrbaren Untersatz oder eine nächtliche Essenslieferung in die Uni. Aber nach ihrer Abgabe wurde Yanti zu einer sehr engen und vertrauten Freundin für mich, die ich kläglich vermisse! So einige Nacht habe ich bei ihr verbracht während der WM, und wir haben die Socceroos bis zu ihrem Ausscheiden in entsprechender Fankleidung (Schal!), sowie auch die Klinsmänner mitten in der Nacht angefeuert. Ich glaube, Yanti war der treueste und euphorischste nicht-deutsche Fan der deutschen Mannschaft; ihre besondere Vorliebe galt Sebastian Schweinsteiger, zumindest nachdem ich ihr seinen Nachnamen sinngemäß übersetzt hatte
Ihr asiatischer Sinn für Gastfreundschaft und Etikette hat stets dafür gesorgt, dass wir uns mit süßen, salzigen, heißen, koffeinhaltigen usw. Lebensmitteln wach halten konnten. Der absolute Höhepunkt: vor dem deutschen Halbfinale, das bei uns um 5 Uhr morgens übertragen wurde, hatten wir gerade mal 3 Stunden geschlafen, da schwingt sich die emsige Yanti aus dem Bett in die kalte Küche und bereitet frittierte Zwiebeln in Backteig zu!!! (serviert mit Sweet Chili Sauce!) Mal davon abgesehen, dass ich ihre harmlose Frage am Vorabend („Verträgst du frittiertes Essen?“) nicht auf einen Snack vor der Morgendämmerung bezogen sah, hätte ich auch nie gedacht, dass mein Magen mit solchen zeitlichen und gehaltvollen Bedingungen klarkommen würde!
Die zuvor so konzentrierte und fokussierte Yanti ist in diesen letzten Wochen noch mal richtig aufgelebt, und wir hatten eine Menge Spaß! Es ist kaum zu glauben, dass dieser kleine lebensfrohe Flummy nun wieder als Dozentin in den traditionellen Roben an der Uni in Kuala Lumpur arbeitet und zuhause eine alleinerziehende Mutter ihrer 4-jährigen Aika ist! Ich kann mir diese unterschiedlichen Leben so wenig vorstellen, dass ich mich dringend davon überzeugen muss, dass es ihr auch gut geht: ich werde Silvester in Malaysia verbringen! Als ich diesen Gedanken gegenüber Yanti äußerte, war sie sehr begeistert, und sofort nach meiner Buchung (bzw. Julianes, danke noch mal!) hat sie uns ein Hotel in KL gebucht, wo wir uns mit ihrer gesamten Familie einquartieren und sowohl traditionelle, wie auch „westliche“ Feiern mitmachen werden. Ich freue mich schon sehr darauf, sie wieder zu sehen, Malaysia kennen zu lernen und meine paar Brocken Malay an ihrer Familie zu testen! In diesem Sinne: Selamat malam! (Gute Nacht)
Die letzten Wochen und Monate haben es irgendwie geschafft, dass ich zu wenig Zeit oder keine Nerven hatte, diesen Blog aktuell zu halten und meinen treuen Lesern regelmäßig Berichte zur Verfügung zu stellen. Natürlich habe ich den guten Vorsatz, diese Unsitte zu ändern und fleißiger zu sein. Mit jedem Tag in meinem „neuen“ Leben in Australien wird es aber auch schwieriger zu entscheiden, was in diesem Forum erwähnenswert ist. Immerhin ist es ein Leben, so dass der Reisebericht-Charakter einer Art Tagebuch weichen wird. Denn ja: auch in downunder gibt es so etwas wie Alltag ![]()
Dennoch gibt es allzu oft wunderbare Anekdoten, die meistens durch kleine Kulturunterschiede entstehen. Und ein paar dieser Geschichten aus dem Mai möchte ich hier wiedergeben.
Da war zum Beispiel mein kurzer Besuch im „Body Shop“ in der Innenstadt. Ich wollte eigentlich nur – in guter alter Bielefelder Tradition und deutscher Sorgfalt – die leeren Shampoo- und Duschgel-Flaschen zurückgeben. In Australien scheint das aber nicht so üblich zu sein, da ich zunächst verdutzt angeguckt wurde, ich könne sie doch auch einfach in die Recycling-Tonne werfen. Aber nun gut, die freundlichen Frauen haben mir meine Flaschen abgenommen, und dann ging’s los: nanu, was ist denn diese Flaschengröße? Wo kann man denn solche Mengen bekommen? Die gäbe es in Australien ja gar nicht. (War mir auch schon aufgefallen…) Naja, und als dann erstmal rauskam, dass ich aus Deutschland bin, sammelte sich ein neugieriger Pulk australischer „Body Shop“-Mitarbeiterinnen um mich, damit ich ihnen die deutsche Beschriftung vorlese. Besonders begeistert waren sie von dem laaaangen Wort „Feuchtigkeitscreme“ ![]()
Einmal pro Jahr findet für 4 Tage das „German Film Festival“ statt, in dem ca. 8 deutschsprachige Spielfilme und mehrere Kurzfilme durch die Hauptstädte Australiens ziehen. Es gibt auch analog Festivals anderer Sprachregionen. Beworben werden sie mit einem abgewandelten Bruce Springsteen: „Bored by the USA…“
Letztes Jahr wurde „Der Untergang“ gezeigt mit rekordverdächtiger Besucherzahl. In diesem Jahr waren weniger monumentale, aber auch gute Filme dabei. Ich war mit Yanti in „Die weiße Massai“, einer sehr eindrucksvollen Biographie einer Deutschen (oder Schweitzerin) in Kenia. Da wir gerade zwei Tage zuvor zusammen den indischen Film „Water“ gesehen hatten, der auf absolut dramatische Weise das Leben indischer Witwen zeigt, war es unsere doppelte Dröhnung starker Frauen in einer Woche…
Inzwischen bin ich zwar an den Anblick von Papageien am Straßenrand gewöhnt, aber manchmal gibt es doch Szenen dieses australischen Wildlife, die mich genauer hingucken lassen. Letztens öffnete ich des Morgens meine Jalousie und sah direkt im Gestrüpp vor meinem Fenster zwei Crimson Rosella hocken: prächtig rot-blaue Papageien mittlerer Größe. Anscheinend mussten sie erstmal ein wenig in der Sonne auftauen nach der frostigen Nacht, bis sie dann in klassischer Papageien-Manier anfingen, an den Samenständen zu knabbern und die Zweige fachmännisch auseinander zu nehmen. Auf meinem Weg zur Uni hat mich letztens ein Kakadu zum Lachen gebracht, was ein denkbar schöner Beginn eines Tages ist. Ich hatte im oberen Augenwinkel nur etwas von einer Laterne baumeln sehen und hochgeschaut. Warum auch immer, zu viele Krimis gesehen oder was, jedenfalls dachte ich völlig geschockt: „Oh mein Gott, jemand hat einen Kakadu erhängt! Wie grausam!“ – das war natürlich NICHT der Fall, sondern ein verspieltes Federvieh hing freiwillig kopfüber von dem Gummiring herunter. Ich tippe darauf, es war sein üblicher destruktiver Hang, der die Isolierung von der Laterne gelöst hatte… Und der kleine Kerl hatte seine Freunde daran, Luftrollen zu drehen und das Gummi weiter zu zerstören. ![]()
Zusätzlich zu meinem Sportkurs LIFE (kardiovaskuläres Training, Fitness, Balance) habe ich auch immer noch brav in unserem RSBS lunch time Team „touch footy“ gespielt. Zur Erinnerung: das ist die seichtere Variante von Rugby. Mit der Zeit hatte ich die Regeln auch verinnerlicht, und Frauenmangel herrscht eh meistens, so dass ich sogar gebraucht wurde!
Für strategische Anweisungen meiner Mitspieler bin ich sehr dankbar (der Einfachheit halber nennt mich das Team nur „V“), aber manchmal sollten sie einfach häufiger wagen, mir den Ball anzuvertrauen. Im Allgemeinen werde ich nämlich kaum von den Gegnern gedeckt, so dass ich hervorragend frei stehe und mit dem richten Pass Richtung Endlinie laufen könnte. Allerdings setzt es auch voraus, dass ich den Pass fange… Vorerst ist Spielpause (wir „überwintern“ auf Platz 6), aber wenn wir bis zur nächsten Saison daran arbeiten, könnte ich zur Geheimwaffe werden
Meinem Knie geht es dann auch wieder gut, nachdem ich in einem der letzten Spiele eine unsanfte Körperdrehung gemacht habe und sich in meinem Knie irgendwas schmerzhaft verschnackt hatte. Die Reaktion des Bielefelder Norbert darauf: „Du wirst deinem Betreuer immer ähnlicher.“ – da sich der sportfanatische Jan immer wieder Blessuren zuzieht…
Auch außerhalb der Uni geht es manchmal sportlich zu, zum Beispiel beim Eislaufen. Es war tatsächlich Yantis Idee, die als Malaysierin naturgemäß selten die Gelegenheit dazu hatte. In Anbetracht ihrer letzten paar Wochen in Australien hat sie sich aber selber den Plan gesetzt, Dinge zu wagen und auszuprobieren, die sie noch nie gemacht hatte. Unser Ausflug auf den Mount Majura mit den anderen Mädels war schließlich auch ihr erster Bushwalk. Die kleine Yanti wurde also von Jochen, dem deutschen Postdoc Markus und mir begleitet, und das meist wörtlich: rechts und links jemand zum Festhalten. Sie hat sich tapfer zahlreiche Runden an der Bande des Eislaufrings entlang gehangelt und ist sehr oft hingefallen. Aber ihr konnten noch nicht einmal die beiden kleinen Mädchen die Laune verderben, die ebenso stoppelig auf den Kufen standen, aber freudig verkündeten: „Wir haben das heute auch zum ersten Mal gemacht, aber jetzt können wir schon richtig schnell fahren!“
Und als letzte Anekdote aus meinen Mai-Erlebnissen vielleicht noch etwas zum Thema Auto, Fahren und Straßenverkehr. Da ich täglich mit dem Fahrrad unterwegs bin, habe ich eigentlich keine Probleme mit dem Linksverkehr. Allerdings gibt es diese vereinzelten Situation, die Autofahren richtig amüsant machen können: zum Beispiel aus voller Überzeugung den Scheibenwischer anzuschalten, wenn man abbiegt… Oder sich erwartungsfroh auf den Vordersitz zu schmeißen und festzustellen, dass man links eingestiegen ist, sich dort kein Lenkrad befindet und man folglich schlecht das Auto fahren können wird… Auch sehr spannend ist es, nach langer Zeit erstmals wieder einen kleinen Schaltwagen zu benutzen und sich als Automatik-verwöhnte Fahrerin besorgt zu fragen, warum das arme Ding so dramatisch zu röhren beginnt, wenn man bei Tempo 40 immer noch im ersten Gang fährt… Natürlich habe ich es auch geschafft, mein Uni-Mietautochen an der ersten Kreuzung abzuwürgen, weil mein linker Fuß gewohnt faul beim Bremsen NICHT auf irgendein Pedal getreten hat… Aber keine Sorgen, im Allgemeinen geht alles gut!
Ich wurde inzwischen mehrfach gefragt, ob es in Australien eigentlich so etwas wie Herbst und Winter gäbe. Für uns Europäer ist dieses Land wohl der Inbegriff von flirrender Hitze über karger Einöde. Allerdings ist der Kontinent so groß wie die USA und hat unterschiedliche Klimazonen: Subtropen im Norden (Queensland und Northern Territory), gemäßigte Breiten im Süden (New South Wales, Victoria, Tasmanien, Australian Capital Territory) und extremes Wüstenklima in den Staaten South Australia (Hauptstadt Adelaide) und Western Australia (Hauptstadt Perth). Insofern: ja, es gibt Jahreszeiten, vor allem im Süden der Insel. Zum Thema Herbst: auch hier weht das Laub von den Bäumen herunter, so dass es schon kahler ausschaut als im Sommer. Aber die Eukalyptus-Arten schmeißen lieber mit Ästen um sich, weswegen es noch verhältnismäßig grün überall ist. ![]()
Und bezüglich des australischen Winters: außer Canberra liegen alle größeren Städte am Meer, wodurch sich im Allgemeinen ein milderes Klima und geringere Temperaturdifferenzen ergeben. Wir in Canberra dürfen hingegen den Vorgeschmack auf Wüstenklima genießen und müssen auf ca. 20°C Unterschied zwischen Tag und Nacht gefasst sein. Tagsüber lassen einen der wolkenlose und unglaublich blaue Himmel und die wärmende Sonne vergessen, dass es inzwischen Winter ist. Allerdings entfleucht die Wärme sofort nach Sonnenuntergang, da eine isolierende Wolkendecke fehlt. Die Nächte sind wunderschön sternenklar mit dem hellsten Mondlicht, das mir je aufgefallen ist. Gespenstisch schön! Während man also mittags gut ohne Jacke draußen sitzen kann, sinken die Temperaturen ab 17 Uhr drastisch und erreichen morgens einen Tiefpunkt von ca. -5°C. Dementsprechend gilt auch hier, in Australien: dicke Jacke, Handschuhe und Eiskratzen, wenn ich mich mit dem Rad auf den Weg zur Uni mache.
Apropos Isolierung: nicht nur dem Himmel fehlt eben selbige, sondern auch allen Häusern in Australien! Ganz ehrlich: es ist viel wahrscheinlicher, in Australien zu erfrieren als in Skandinavien! Wenn ich mich über diesen Un-Zustand beschwere, ernte ich von Einheimischen immer den Kommentar „DU bist doch aus Europa, solltest DU nicht die Kälte gewöhnt sein?!“. ABER: ich habe ja gar keine Einwände gegen die Temperaturen draußen, sondern gegen die frischen 5°C drinnen! Es fehlt mir jegliches Verständnis, wie eine ganze Nation nie diese dünnen Wände und fehlenden Heizungssysteme in Frage stellen konnte. Ich vermute, es kann sich niemand in Deutschland so recht vorstellen, wie mit der Situation umgegangen wird: meist gibt es in den Häusern EINEN Raum mit Heizkörper, vorzugsweise das Wohn- und Fernsehzimmer natürlich, ansonsten aber nichts, außer man gönnt sich den Luxus von elektrischen Heizkörperchen. Die Einheimischen verbringen ganz einfach den Großteil ihrer Zeit vor dem TV, wechseln anschließend ins Bett, wo sie 2 Paar Jogginghosen und 3 Pullover übereinander tragen und eine Wärmflasche mitnehmen. Wir verwöhnten Europäer greifen hier wiederum auf die luxuriöse elektrische Variante zurück, die Heizdecke im Bett. Das hat zumindest den Vorteil, dass man nicht den kleinen Heizlüfter stundenlang auf Maximalstufe laufen lassen muss, damit man auf „kuschelige“ 10°C im Zimmer kommt, sondern die Wärme komplett nur auf sich und den Platz unter der Bettdecke beschränkt. In diesem Fall sollte man darauf gefasst sein, dass man morgens seinen eigenen Atem sieht… Wer gerne ganz genau wissen will, wie ich mich arrangiert habe: ich schmeiße meinen Heizlüfter abends an, und nach ca. 3 Stunden lässt es sich in meinem Raum einigermaßen aushalten, das Attribut „warm“ wäre aber falsch. Den Schlafanzug hatte ich schon recht bald gegen meine solide Ausstattung ersetzt: Sporthose, Ski-Unterwäsche und Fleece-Pullover, abgerundet durch Omas Wollsocken. Ja, das klingt sehr mollig und unsexy, aber ich sage euch: so ist es gerade mal eben erträglich unter meinen beiden (!) Bettdecken!
Und zum Schluss dieses meteorologischen Berichts noch das Sahnehäubchen der frostigen Situation: die Heizung im Wohnzimmer meiner WG ist seit Anfang Mai kaputt. Das war ja zunächst auch noch erträglich, wenn auch schlicht und einfach ein Fall für den Vermieter. Aber mit der Zeit wollte sich niemand mehr im Wohnzimmer aufhalten, und wir kauerten entweder um einen kleinen Heizlüfter in der Küche oder jeder hat sich in sein eigenes Zimmer verkrümelt. Mitte Juni kam unser Hauptmieter Erez endlich auf die Idee, dem Vermieter bescheid zu sagen und MEINE Handynummer anzugeben, da er tagsüber nicht erreichbar ist. Und siehe da: plötzlich ging es ganz problemlos, einen Termin mit dem Service-Menschen auszumachen. Leider warten wir nun auf das Ersatzteil und einen neuen Termin… Naja, bald kommt der Frühling, entweder halten wir das bis dahin auch noch aus oder sind schon längst wieder umgezogen
Am Dienstag, dem 25. April 2006, stand für uns ein nationaler Feiertag an, der besonders theatralisch in der australischen Hauptstadt gefeiert wurde: ANZAC Day. Dieser Ausdruck steht für „Australian and New Zealand Army Corps“, das Militär von downunder. Die Australier fühlen eine sehr starke Verbundenheit zu ihren Veteranen aus den Weltkriegen und Konflikten in Asien. Maßgeblich ist die Erinnerung an die hohen Verluste an der türkischen Küste von Gallipoli im Zweiten Weltkrieg präsent, als (Zitat Johannes) „die Aussies von den Alliierten verheizt wurden“. Natürlich wird es hierzulande anders formuliert, gerne zum Beispiel als „die Freiheit unseres Landes schützen“, wobei es eher fraglich ist, welche Macht im Zweiten Weltkrieg ernsthaftes Interesse an einer großen Wüste am Ende der Welt hatte… Aus meiner deutschen Perspektive ist dieser militärische Patriotismus sowieso schwerlich verdaubar – wo ich nun gar kein Verhältnis zur Armee habe! Da kommen doch tatsächlich ganze Familien zum „dawn service“ (SEHR früher Gottesdienst!) und stehen in der morgendlichen Dunkelheit und Kälte mit einer Kerze in der Hand vor dem War Memorial und singen alte Kriegslieder und selbstverständlich auch die Nationalhymne! Sogar die kleinsten Kinder beten brav runter, wie stolz sie auf die Soldaten sind, denen sie ihr Leben verdanken. Zu den Feierlichkeiten am ANZAC Day gehörten natürlich auch Zeremonien, Paraden und Reden am War Memorial, sowie zwei Jets, die lautstark über die Stadt geflogen sind. Aber davon soll dieser Bericht auch gar nicht handeln, maßgeblich weil ich auch nicht viel von alledem mitbekommen habe. Ich habe nämlich ungefähr das Kontrastprogramm dazu eingelegt: einen „Girls’ day out“! Nach einem weiteren langen Wochenende in überwiegend männlicher Gesellschaft brauchte ich dringend mal einen ordentlichen Klönnachmittag mit meinen Mädels! Und genau das haben wir auch gemacht, in kulturell-kunterbunter Runde:
Am frühen Nachmittag sind Pinar (28, deutsch-türkische PhDlerin aus dem RSBS), Yanti (36, malaysische PhDlerin aus meinem Büro) und Alison (21, Nachbarin + Musikstudentin) zu mir gekommen auf – ganz klassisch! – Kaffee, Kuchen, Klatsch & Tratsch. Das tat schon mal gut! Anschließend haben wir unsere üppige Magenfülle dadurch erleichtert, dass wir zum Bushwalking an den Mount Majura gefahren sind. Wer treuer Blogleser ist: dort war ich im Februar mit Jochen zur Vollmondwanderung. Yanti war in ihren ganzen 3 Jahren in Australien nie bushwalken – und das geht ja nun mal nicht!!! Der Weg auf den Mount Majura ist als Übungsstrecke wirklich prima, da einigermaßen sanft ansteigend und wegsam. Wir haben uns – auch ziemlich klassisch – sogar derart gut unterhalten (in dem Moment über Haare und Frisuren), dass wir den richtigen Weg zur Spitze verpasst haben und vorerst mitten im Busch standen. Ooops! Ein wenig querfeldein und krabbelnd und kraxelnd sind wir aber wieder zum offiziellen Pfad gelangt, der uns auch brav und planmäßig in der untergehenden Sonne nach oben geführt hat. Die Mädels ließen sich zuverlässig motivieren weiterzugehen, indem ich mein optimistisches „nur noch diese kurze Steigung, dann sind wir oben!“ vielfach wiederholt habe – was mir im Nachhinein aber ein wenig leid tat, da ich mich den Weg vom letzten Mal nicht recht in Erinnerung hatte… Ich kam mir vor wie damals mit unserer Dackeldame Quincy, mit der Spaziergänge fast ausschließlich dank dem (alle 10 Meter ausgestoßenen) Ausruf „Da ist Mama!“ möglich waren
Zwischenzeitlich behauptete Yanti immer, keine Kraft und Kondition mehr zu haben, wir sollten aber weitergehen, sie erhole sich und wartete darauf, dass wir sie auf unserem Rückweg und Abstieg wieder aufsammelten. Tatsächlich kam sie aber nach wenigen Sekunden immer tapfer hinter uns her, so dass wir ALLE den wunderschönen Ausblick auf Canberra in der Dämmerung und die körperliche Genugtuung genießen konnten. Beim Abstieg wartete die nächste Neuheit auf Yanti: grasende Kängurus am Fuß des Berges. Es war schon recht dunkel und leider dementsprechend ungeeignet für Fotos. Aber ich weiß, dass sie sich noch lange daran erinnert wird! ![]()
Zum krönenden Abschluss des „Girls’ day out“ hatten wir eigentlich noch einen Frauenfilm im Kino eingeplant, aber Pinar wollte noch gerne ihre Tochter wach erleben, Alison war zum Essen verabredet, und ich war zumindest eingeladen, den Wolfgang vor seinem Abflug noch mal zu treffen. Yanti war nicht böse um die Planänderung, so dass wir nach einem sehr, sehr opulenten Mahl in einem vegetarischen, asiatischen Restaurant (ich empfehle: „mock crispy honey chicken“!) getrennte Wege gegangen sind. Oder eigentlich gefahren, da Yantis Vermieter sich mein Auto ausleihen wollte. In die Stadt ins Pub wäre ich ohnehin mit dem Fahrrad gefahren.
Das Fazit: ein wunderschöner Tag mit lieben Menschen und wenig Testosteron
Es war bereits Mitte März, als sich meine erste größere „Außenmission“ im neuen Job ankündigte: über unseren internen eMail-Verteiler kursierte die Nachricht, dass man nur noch eine Woche Zeit und Gelegenheit habe, sich für eine Konferenz in Sydney (Do 20.- So 23. April) anzumelden. Es handelte sich um die ASSAB 2006, die jährliche Tagung der „Australasian Society for the Study of Animal Behaviour“, also eine kleinere Runde (Australien + Neuseeland) zum Thema Verhalten. Ich mag Konferenzen grundsätzlich gerne, weswegen ich schon interessiert war, und außerdem kommt es mit Transport und Unterkunft für die Uni ja nicht so teuer, wenn man 3 Tage quasi nebenan verbringen will. Aber da ich mich als Frischling nicht unbedingt in der angemessenen Lage fand, eigene Forderungen zu stellen, habe ich abgewartet. Glücklicherweise hat mich mein Chef schließlich gefragt, nachdem Jochen bereits zu einem Vortrag „zwangsverpflichtet“ wurde. Ich war in der glücklichen Lage mir auszusuchen, ob ich hinwollte (ja), ob ich überhaupt etwas präsentieren wollte (ja), wie (Poster oder Vortrag) und was: Zusammenfassung meiner Arbeiten an Stabheuschrecken oder Ausblick auf das neue Projekt mit Wallabys. Ich habe mich für den Ausblick als Vortrag entschieden – was mit Sicherheit meinen Chef sehr recht war. Für unsere Anmeldungen und die einzureichenden Abstracts hatten wir alle nur noch wenige Tage Zeit, und naturgemäß enden solche Aktionen immer in einem Text-Pingpong zwischen Student und Betreuer. Nach vier Versionen konnte ich eine endgültige Fassung einschicken mit dem Titel: „What, how, and how much do marsupials learn?“. Ehrlich gesagt hatten Jochen und ich wohl beide gehofft, dass unsere späte Anmeldung dazu führen würde, eine Absage von der Konferenzleitung zu bekommen, der Zeitplan für Vorträge sei schon voll, wir dürften LEIDER „nur“ ein Poster machen… Tatsächlich kam eine eMail, es hätten sich wirklich zu viele Personen für Vorträge angemeldet, aber man habe das Problem gelöst, indem einfach der Zeitrahmen der Konferenz um einige Stunden verlängert wurde. Upsi… verkalkuliert
Für die Vorbereitung des Vortrags hatte ich etwas mehr Zeit und vor allem völlig freie Hand. Mein Chef fragte am Tag vor unserer Abfahrt, ob er sich denn meine Präsentation vorher mal angucken sollte. Daraufhin meinte ich nur, er könne sich auch gerne überraschen lassen, wenn das für ihn okay sei. War es – ein sehr vertrauensvoller Chef! Außerdem hat er mir noch ein Foto überlassen, das er vor Jahren mal von einem Wallaby gemacht hat, wie es vor unserer experimentellen Apparatur sitzt und gebannt auf zwei Farbtafeln guckt. Ich habe dieses Bild für den Fotowettbewerb eingereicht, ebenso wie andere Studenten sehr coole Fotos von allem erdenklichem Geviech mitgebracht haben.
Unsere Gruppe (7 Leute, mit mir als Quotenfrau) war auf 3 unterschiedliche Sessions aufgeteilt: erst ich, dann ShaoWu (Prof, Bienen) am Freitag Vormittag, Session „Lernen“; Martin (PhDler, Winkerkrabben), Jochen Z. (Senior-Chef) und Richard (Postdoc, Kragenechsen) am Samstag Vormittag, Session „Kommunikation“; Jan (Junior-Chef) und Jochen (PhDler, Winkerkrabben) am Sonntag Vormittag, Session „Räuber & Beute“. Unsere Vorträge sind allesamt erfolgreich gewesen und zur Zufriedenheit unserer Chefs verlaufen. Ich bekam von Jochen den Kommentar „Ich glaube, ich war als Zuhörer nervöser als du da vorne!“ und von meinem Chef die Kritik „Am Anfang fand ich es etwas zu langsam, aber später war es besser, und du bist mit den Fragen wirklich gut umgegangen.“ Das Vortragen macht mir sowieso Spaß, ich hatte lediglich Angst vor den Fragen. Mein Chef hingegen empfindet es genau anders herum… Jochen und Martin hatten mit ihren Vorträgen sogar eine Chance auf den Studentenpreis für die beste Präsentation.
Der Vorteil an meinem frühen Vortragstermin war, dass ich mich für den Rest der Konferenz entspannen konnte, während meine Kollegen immer mal wieder in ihre Zimmer zurückgehuscht sind, um doch noch die eine oder andere Folie zu ändern. Dennoch war ich etwas unbegeistert von der Möglichkeit, vom ersten Konferenztag an bekannt zu sein und in jeder Pause und auf jedem Ausflug angesprochen werden zu können, um vermeintlich gute Ideen, Ratschläge und Kommentare zu meinem Projekt zu ernten. Genau DAS, meinte mein Chef, sei positiv an einem Vortag im Gegensatz zu einem Poster… Zwischenzeitlich erkundigte er sich auch bei mir: „Hast du schon mit Misha geredet?“ – und ich: „Ja, aber nicht über die Arbeit.“ ![]()
Unsere Gruppe ist am Donnerstag Mittag mit 2 Uni-Autos gefahren, und wir sind relativ pünktlich auf 17 Uhr an der Macquarie University angekommen, haben unsere Unterlagen abgeholt und uns dem Snackbuffet genähert. Jochen und ich wurden auch just von zwei Studenten der Uni angesprochen, so dass unser sozialer Kontakt vorerst gesichert war. Richard kannte sowieso einige ehemalige Kommilitonen, da er seine Doktorarbeit an der Macquarie gemacht hatte. Mein Chef Jan hat es anscheinend sehr genossen, mal wieder mit der schweizerisch-englischen Andrea zu klönen, die vor einiger Zeit Experimente mit Wallabys gemacht hat. Ich hätte die Gelegenheit wahrscheinlich viel stärker nutzen sollen, mir von ihr alle Insider-Tipps zu holen. Aber bei 9 Stunden pro Tag mit Vorträgen und nur 3 kleinen Pausen für Nahrungsaufnahme und Exkretion, wobei in selbigen auch noch erwartet wird, die ausgestellten Poster anzuschauen, hielt sich meine Lust auf potentiell anstrengende Fachgespräche in Grenzen. Ich konnte auch tatsächlich meine erste Konfrontation mit der frühen „Berühmtheit“ in einen wirklich netten Kontakt umwandeln: am Freitag Abend beim Buffet gesellte sich ein gewisser David von der Uni Tasmanien zu mir, begleitet von seiner Studentin Jo, und nach ein paar gut gemeinten Literaturtipps haben wir uns auch ansonsten gut unterhalten. Besonders der Samstag Abend hat sehr profitiert, als die gesamte Tagungsgesellschaft in einem großen Bus von der Uni zum Darling Harbour transportiert wurde zur Hafenrundfahrt. Da es nach vier Monaten gerade mal das zweite Mal für mich in Sydney war, konnte ich mich während der Busfahrt und auf dem Boot kaum sattsehen an der bunt erleuchteten Großstadt und den spektakulär angestrahlten Harbour Bridge und Opera House!
Jochen und ich saßen mit einigen Leuten von der Macquarie University an einem Tisch während des Essens. Ich hatte (in der Hoffnung, Samir als Doktoranden zu vermitteln) eine sehr nette Unterhaltung mit dem Postdoc Greg, der 1.) einen humorvollen Vortrag gehalten, 2.) meine intuitive Ahnung, er sei Vegetarier, bestätigt hatte und 3.) die männlichen Geschlechtsteile von Fangschrecken untersucht. Später hatten Jo und ich einen sehr lustigen Abend an Deck – leicht beschwippst, zugegebenermaßen – mit der Verabredung, uns gegenseitig in Canberra bzw. Hobart zu besuchen. In diesem Sinne konnte ich auf die abschließende Frage von meinem Chef Jan „Hat dir die Konferenz was gebracht?“ guten Gewissens antworten: „Ja!“ Und denken: „Jetzt habe ich einen Kontakte nach Tasmanien!“ ![]()
Die kurzfristigen Folgen dieser Feuertaufe war rechtschaffende Müdigkeit und ein sehr arbeitsreiches Wochenende. Dementsprechend hat Jan uns auf der Fahrt nach Hause angeboten, den Montag zuhause zu bleiben und zusammen mit dem Feiertag am Dienstag eine kleine Auszeit zu nehmen. Jochen und ich waren allerdings brav in der Uni am Montag, ebenso wie Jan, der sich allerdings am Nachmittag für die gesamte Woche entschuldigte, er würde mit seiner Familie einen kleinen Urlaub an der Küste machen. Längerfristig bewirkte die Konferenz, dass sich die Frage um meinen dritten Betreuer klärte zugunsten eines russischen Physikers von der University of Queensland in Brisbane, einem Experten in Farbensehen. Ich hatte ihn schon im März auf unserem Besuch in seinem Institut kennengelernt, als ich noch dachte, dieser Kontakt sei nur für Jochen wichtig… Dementsprechend wird mein Projekt auch zunächst den Schwerpunkt Farbensehen behandeln und sich auf den Aspekt Lernen erst später oder „zwischendurch“ konzentrieren. Ich hoffe darauf, dass durch diese externe Betreuung die eine oder andere Dienstreise nach Brisbane rausspringen wird!
So wohl ich mich auch hier in Australien fühle, so fern meiner Familie und der Heimat, es gibt doch immer mal einen Anlass für ein bisschen Heimweh. Meiner und der 30. Geburtstag meiner Schwester waren definitiv solche Anlässe, und Ostern habe ich auch mit ein wenig gemischten Gefühlen entgegen gesehen. Ich ging die meiste Zeit davon aus, dass Jochen & ich mit einigen anderen in Canberra gestrandeten Leuten einen Osterbrunch veranstalten würden, evtl. sogar eine echte „Easter Egg Hunt“. Natürlich schmeckt die australische Schokolade bei weitem nicht so gut wie die gute deutsche Milka, ob in Form von Tafeln, Eiern oder Häschen. Letztere sind in Australien sowieso nicht richtig beliebt, weil die weißen Einwanderer eine Karnickelplage verursacht haben, die eine Gefährdung der einheimischen Kleinbeutler darstellt. Dementsprechend haben wir hier das „Easter Bilby“ als Alternative im Schoko-Regal stehen
Allerdings sollte an diesem Osterfest alles anders kommen: Pinar & Johannes hatten den Plan, ein befreundetes deutsches Pärchen aus Melbourne auf dem ConFest zu treffen, einem Hippie-Festival in Deniliquin (West-NSW, nahe der nördlichen Grenze von Victoria). Jochen war sehr begeistert von der Idee ebenfalls hinzufahren, während ich mich etwas über die viele Fahrerei und unsere Arbeit sorgte. So vollkommen überzeugt war ich von dem Festival auch nicht, gemessen an der Beschreibung im Internet ($60 Eintritt, 2 Stunden Mitarbeit und „clothing optional“…). Es war vor einigen Jahrzehnten das Forum für die politische Linke in Australien, um ihre Politik und Initiativen zu organisieren. Inzwischen handelt es sich eher um den Treffpunkt alternativer Studenten, Künstler und Alt-68er für ein paar Tage mit Camping, Meditation, Nacktbaden, diversen Workshops und kleinen Konzerten – alles draußen oder in Zelten. Es war natürlich eine gute Gelegenheit, mein neues (altes) Auto richtig auszutesten, aber immer noch ein ziemlich weiter Weg (600 km pro Strecke) für ein verlängertes Wochenende. Wir sind also am Karfreitag früh am Morgen mit beiden Kombis aufgebrochen, und während Jochen und ich meinen gigantischen Kofferraum gerade mal ansatzweise mit unseren Rucksäcken und Camping-Utensilien gefüllt hatten, war der Wagen der Letzkus’ vollgestopft mit ihrem halben Haushalt und Dingen für das Baby. Wir haben sie zunächst vorfahren lassen, aber nach zu vielen falschen Abfahrten und Umwegen beschlossen, selber die Führung zu übernehmen, da die Fahrt uns mit Pausen ca. 8 Stunden gekostet hat. Auf halber Strecke mussten wir zudem eine unfreiwillige Pause einlegen, um so viel Obst und Gemüse wie irgend möglich auf einmal in uns hineinzustopfen und möglichst wenig wegschmeißen zu müssen: wir haben die Grenze innerhalb von NSW überquert, jenseits derer es verboten ist, jegliche frische Lebensmittel in die Fruchtfliegen-freie Zone einzuschleppen. Demnach standen wir alle Äpfel, Bananen und Tomaten mampfend neben den Abfalleimern, die – so unsere Verschwörungstheorie – direkt mit der benachbarten Saftfabrik verbunden sind
Unsere letzte Etappe durch das Outback fand im strömenden Regen statt, was zusammen mit der Tatsache, dass Jochen (auf dem Beifahrersitz!) hartnäckigst eingeschlafen und das Radio ohne Empfang war, nicht gerade zu meiner Laune beitrug. Weit und breit war kein Anzeichen für ein riesiges Festival zu sehen, aber als wir schließlich vom Highway auf das ConFest-Gelände abbiegen wollten, mussten wir uns in einer langen Schlange wartender Autos einreihen und sehr, sehr langsam durch den Schlamm und die Pfützen im Eukalyptuswald fahren. Es war nun auch schon dunkel, aber zumindest hatte es aufgehört zu regnen, als wir endlich einen adäquaten Park- und Zeltplatz im „Gipsy Village“ gefunden hatten, und man bedenke den großen Vorteil, den Jochen hervorhob: „Immerhin sehen wir jetzt, welche Stellen keine Pfützen bilden, falls es wieder regnet.“ Ich war insgesamt nur mäßig begeistert und hab mir lieber Laila geschnappt, um mit ihr ein bisschen umherzulaufen, während die anderen unsere Zelte aufgebaut haben. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich den Aufwand gescheut und lieber im Auto geschlafen. In der Dunkelheit konnten wir weder den Hauptmarktplatz noch die nächsten Toiletten lokalisieren, und unsere Energie hat auch nur noch dazu gereicht, sehr spartanische Snacks aus den beiden Kofferräumen zu uns zu nehmen und bald in die Zelte zu verschwinden. Am Samstag Morgen, der etwas frisch, aber sonnig startete, haben wir uns auf den Weg gemacht, das Hauptgeschehen des Festivals und Anke & Martin zu finden – vorerst nur inmitten ungewöhnlich bunter Menschen, von wenigen eingefleischten Nudisten abgesehen. Anke & Martin fanden wir schließlich am „Frühstückstisch“ vor ihrer Zeltlandschaft vor, d.h. auf den Decken unter einer großen Plane zwischen den Eukalyptusbäumen am Ufer des Creeks (Ausläufer des Murray River). Es war ein wunderschöner Platz, viel netter als unser Gipsy Village, so dass wir nach ausführlichen Debatten pro und contra Umziehen zurückgegangen sind, um unsere Zelte wieder abzubauen, die Autos umzuparken und unsere Bleibe um besagten Frühstückstisch aufzuschlagen. Die Männer wollten Zeichen setzen und sind in Shorts herumgelaufen, wenn auch mit deutlicher Gänsehaut bei jeder Windböe, aber wir Frauen sind unseren Fleecejacken treu geblieben. Zumindest bis zum Nachmittag, als wir uns tapfer für die Sauna ausziehen mussten, also einem Zelt mitten auf dem Marktplatz, wo Freiwillige außen das Feuer am Leben erhalten und somit das Wasser erhitzt und den Dampf bereitet haben. Es war ziemlich voll in dem Zelt, so dass nur wenige Leute Sitzplätze am Rand erwischt haben – was man aber ggf. gar nicht wollen würde, weil in der Mitte alle anderen Leute standen (man denke an Höhe von sitzenden Köpfen und stehender Gürtellinie…). Außerdem sammelte sich die richtig heiße Luft naturgemäß an der Zeltdecke, so dass Johannes, Martin und Jochen uns kleinen Frauen immer mal eine Woge heruntergewedelt haben. Die Hemmungen, sich in aller Öffentlichkeit und vor den Freunden auszuziehen, sind zwangsläufig verschwunden, weil es in diesem Rahmen einfach normal war. Dicht gedrängt in der Sauna war es lediglich etwas beklemmend, Körperteile von anderen Leuten zu spüren, die man besser nicht mal sehen wollte
Auf den gemeinschaftlichen Gaskochherden konnten wir uns unsere Mahlzeiten selber zubereiten, auch wenn es einige nette, meist vegetarische Fressbudenzelte gab. Den Abend haben wir bei einem Freiwilligen-Konzert verbracht, wo halb-professionelle Sänger aufgetreten sind. Mir war nach ein paar Stunden auf dem Boden sitzend recht kalt, so dass ich Pinar mit Laila zu den Zelten begleitet habe, während die andere noch eine Show von Feuerartisten beguckt haben. Ostersonntag war schließlich wirklich angenehm warm, so dass wir dank Pinar & Johannes eine ausgedehnte „Easter Egg Hunt“ im Wald machen konnten. Die Ausbeute war ein ansehnlicher Haufen Lindt im Campingkochtopf meines Chefs. Um uns die eine oder andere Kalorie wieder abzutrainieren, haben wir den gesamten Vormittag vor unseren Zelten verbracht und von Anke & Martin ein bisschen „Acrobalance“ (leichte Zirkusartistik) gelernt. Ich war mir sehr sicher, dass ich völlig ungeeignet für so viel Körperspannung sei, aber es stellte sich heraus, dass ich (zumindest mit Martin als starkem Partner) sehr schnell sehr viele Übungen gut hinbekam. Das war wirklich spaßig! Anke & Martin lernen Acrobalance selber noch, wollten aber am Montag auf dem Festival einen Workshop anbieten. Am Sonntag Nachmittag hat jeder in die angebotenen Workshops und Zelte reingeschnuppert: Massage, Tantra Yoga, Spontanchor,… um uns zum gemeinsamen Abendessen wiederzutreffen und bis spät nachts „Gras“ zu spielen. Johannes & ich waren ein Team und den anderen grauenhaft unterlegen, was erstmal nur heißt, dass wir keinen Geschäftssinn für Drogenhandel haben, also nichts Schlimmes
Jochen & ich mussten am Montag auf jeden Fall wieder fahren, um unsere Arbeit noch schaffen zu können, aber inzwischen gefiel es uns wirklich gut auf dem ConFest. Jochen hat noch Acrobalance mitgemacht, während ich weitestgehend alles abgebaut und ins Auto gepackt habe, so dass wir um ca. 14 Uhr schließlich losfahren konnten. Nach dem Weg durch den Eukalyptuswald und am Highway angekommen überkam es uns beiden sehr deutlich: zurück in der Wirklichkeit…
Wieder hat Jochen genüsslich auf dem Beifahrersitz geschlafen, während ich erneut ohne Radioempfang die trostlosen Kilometer im Outback mit überhöhter Geschwindigkeit zurückgelegt habe, um wenigstens möglichst wenig in der Dunkelheit fahren zu müssen. Mein Auto hat keinen Tempomat, und man muss gehörig aufpassen, wenn das Schlachtschiff erstmal auf Touren gekommen ist und abgeht wie Schmitts Katze! Das durfte Jochen am eigenen Leib erfahren, als er in der geringfügig städtischeren Etappe mit 15 km/h zu viel geblitzt und dank Feiertagszuschlag (sehr beliebte australische Maßregelung!) zu einem Bußgeld von $225 verdonnert wurde! Das tat mir natürlich sehr leid, da ich vorher lediglich Glück hatte. Aber immerhin kam er um weitere $500 herum, die eigentlich für unlizensiertes Fahren erhoben werden, da er ohne internationalen Führerschein unterwegs war. Ein bisschen bilde ich mir ein, dass folgende Unterhaltung meinerseits mit dem Polizisten geholfen hat: er „Was ist denn mit Ihnen? Lässt er Sie fahren?“, ich „Das ist mein Auto! Aber ich bin die letzten 3 Stunden gefahren, und ich bin jetzt müde.“ – und da an diesen Highways überall (wie im fieldtrip-Bericht erwähnt) Warnschilder zur Ermüdung stehen, sollte meine Einsicht ja was gelten
Wir kamen spät, aber wieder mal ohne einen Zusammenstoß mit irgendwelchen Beutlern zuhause an, um brav am Dienstag wieder in der Uni zu erscheinen – für eine kurze, aber intensive Woche (siehe nächsten Bericht). Die Quintessenz aus meinem Osterwochenende auf dem ConFest: sehr klasse, wenn man sich eingelebt hat, absolut wiederholungswürdig (vielleicht an Silvester?!) und am liebsten mal mit meiner eigenen Anke!
Das zweite Wochenende im April sollte gesellschaftlich sehr, sehr dicht gepackt werden. Ich hatte für jeden Abend Freitag bis Sonntag eine Einladung und – neben Ausschlafen! – auch Pläne für tagsüber. Am Freitag Abend fand eine Party bei den Jungs statt, und mit „den Jungs“ meine ich Jason, Aidan und Bill, bei denen ich beinahe eingezogen wäre. Sie hatten zu einer Geburtstagsnachfeier für Aidan, einer späten Willkommensfete für Jess und einem Kostümfest geladen mit den Themen „Aliens or Emergency Services“, auch gerne kombinierbar
Ich hatte am Freitag alle Hände voll mit dem Autokauf zu tun, so dass ich in letzter Sekunde einfach nur einen Laborkittel, Latexhandschuhe, Mundschutz und Spritze aus dem benachbarten Büro gegriffen habe. Ich konnte sogar mit Lucy mitfahren, die nun auch quasi nebenan wohnt und die ich auf der Januar-Party bei den Jungs kennen gelernt hatte (Stichwort „Zyanid“). Sie hat tatsächlich wahr gemacht, was ich mir nur mal gedacht und sofort wieder verworfen hatte: schlichter roter Badeanzug und somit als Baywatch guard zu kommen! Jason und Aidan waren als Ghostbusters verkleidet, Alien-Bill lief in einem sperrigen grün-silbernen Gerüst herum, das zusammen mit den neckischen 7-Augen-am-Stiel-Geweih nach und nach an alle anderen Gäste entliehen wurde. Es war eine nette Party, aber ich musste mich notgedrungen viel mit fremden Leuten unterhalten und somit dieselbe Geschichte wieder und wieder erzählen (wer bin ich, woher kenne ich die Jungs, was mache ich, warum Beuteltiere…), so dass ich gar nicht so arg traurig war, dass Lucy schon früh wieder gefahren ist.
Am Samstag standen Einkäufe auf dem Programm, nämlich zunächst viele Lebensmittel auf Vorrat (es passt ja soooo viel in den Kofferraum rein!!!) und anschließend Kram für mein Zimmer. Ich hatte Estle eigentlich nur gefragt, ob sie eine gute Anlaufstelle für preiswerte Sachen kennt, und – schwupps – saß Erez mit mir im Auto auf dem Weg nach Belconnen zum Einkaufszentrum. Ich hatte zumindest die Hoffnung, dass unsere Kommunikation sich ähnlich verbessern würde wie damals nach meinem Ausflug mit Scott nach Fyshwick. Erez ist entweder still oder labert sehr viel Stuss am laufenden Band, aber es war okay. Ich habe nach wie vor keine Möbel in meinem Zimmer, außer dem mitgebrachten Schreibtisch und Stuhl, sowie dem „neuen“ Bett. Dafür bin ich jetzt aber mit Mülleimer, Fön, Radiowecker, Rollcontainern (für unter dem Bett) und ein bisschen mehr Küchenzubehör ausgestattet. Weitere Touren werden nötig sein, um richtig Ordnung und einen Endzustand zu erreichen! Die Entropie nach Ankunft des großes Pakets ist aber inzwischen gelichtet und ca. 7 Millionen Quadratkilometer Packpapier, das die Versandfirma um ALLES herumgewickelt (auch einzelne Kleidungsstücke!) und als Füllmaterial in die obere, leere Hälfte des großes Um-Kartons gestopft hatte, aufgesammelt und verstaut.
Am Samstag Abend waren Jochen & ich bei Familie Letzkus (Pinar & Johannes mit kleiner Tochter Laila) für Pizza und einen DVD-Abend in deutscher Runde eingeladen. Ich konnte die allgemeine Begeisterung für „Austin Powers“ nur bedingt teilen, habe mich aber gefügt. Immerhin bleibt bei Filmen im Original ja die Herausforderung, alle Wortspiele zu erfassen.
Der Sonntag – wie im vorherigen Bericht erwähnt – führte mich ins „Tidbinbilla Nature Reserve“. Es war ein Vorschlag von Lad, der nach dem Autoverkauf feststellte: „Ach schade, jetzt können wir doch nicht fahren, weil ich kein Auto mehr habe.“ – woraufhin ich irritiert meinte, wir könnten ja trotzdem fahren, mit MEINEM Auto. Komisches Männerhirn… Das Reserve liegt nur eine halbe Autostunde südlich von Canberra, hat dramatisch unter den 2003 Buschfeuern gelitten und beherbergt das australische Observatorium zum Empfang außerirdischer Signale. Ein irgendwie unwirklicher Anblick, inmitten von dörrem Steppengras, Felshaufen und vereinzelten Eukalyptusbäumen plötzlich auf riesige Satellitenschüsseln zu treffen! In dem Observatorium kann man bestimmt alleine schon einen ganzen Tag verbringen. Aber wir waren ja zum Bushwalking da, also sind wir zu viert (mit Tamir, Lads israelischem Freund, und Abigail, wie sich herausstellte, einer Freundin von Pinar) im genialsten Spätsommerwetter gewandert – von Känguruherden und den Träumen der Aboriginal dieser Gegend umgeben. Auf unserem zweiten Wanderweg durch die „Wetlands“ haben wir sogar ein Platypus (= Schnabeltier) gesehen!!! Die Viecher sind derart scheu und schwer zu erwischen, dass wir extrem viel Glück hatten! Für ein Foto war es aber dann doch zu flott wieder im Schilf am Seerand verschwunden. Ich hatte zu Beginn noch Richard (aus dem RSBS) und seine Frau getroffen, als wir im Besucherzentrum eine Wanderkarte geholt hatten, und er war SEHR pessimistisch, dass man jemals ein Platypus in freier Wildbahn sichten könne. Er war ja sooo neidisch, als ich am Montag mit den Neuigkeiten ankam
Für den Sonntag Abend stand ein Spieleabend in internationaler Runde bei der Deutschen Silvia an. Wir haben uns insgesamt durch drei Spiele gearbeitet, angefangen von einem selbstgebauten Würfelspiel, über „Pictionary“ (was sehr interessant werden kann, wenn man den Begriff gar nicht so recht kennt, den man gerade zeichnen soll…) und schließlich „Trivial Pursuit“ – die australische Edition mit allen Rugby- und Cricket-Spielern, australischen Fernsehsendungen und überregional völlig unbekannten „geschichtlichen“ Ereignissen. Wir haben in zwei Teams gespielt mit jeweils einem Australier pro Team, aber das konnte auch nicht viel reißen. Ich konnte unserem Team wenigstens in der Kategorie „Gossip“ einige Tortenstücke ergattern, und im Endeffekt haben wir auch gewonnen, aber nur mit einigen zugekniffenen Augen