So! Nach dem letzten Ausritt ist die Geduld mit meinem Sattel entgültig zu Ende. Die ewige Sattelsuche muß mit dem Kauf eines neuen Exemplars endlich ein Ende nehmen.
Diverse Überlegungen müssen nun zu einer Entscheidung füren. Also, der Sattel soll eine große Auflagefläche haben um das Gewicht gut zu verteilen, soll das liebe Tier aber nicht in seiner Bewegung einschränken er soll den Pferderücken vor ungeschickten Reiterbewegungen schützen, dabei aber eine feine Kommunikation zulassen.

Bewegungsfreiheit:
Vor allem die Schulter soll frei sein, denn die Längsbiegung im Rücken ensteht offensichtlich hauptsächlich dort und in der Längsrotation der Hinterhand aber nicht in der Seitlichen Biegung der Rückenwirbel außerdem soll das Pferd vorne leicht werden und nicht noch das Reitergewicht zusäzulich vorne draufgepackt bekommen. Wie diese Schulterfreiheit zu erreichen ist bleibt die große Frage. Laut Parelli ertaste man die hintere Kante des Schulterblattes, dann ziehe man das betreffende Vorderbein maximal nach vorne und ertaste in dieser Position wiederum das Schulterblatt, dass jetzt ca. 4 cm weiter hinten liegt. Dahinter soll der Sattel liegen. Aha, dieser Meinung ist auch Fritz Stahlecker, Theresa Sandin und Nancy Nicholson. Der 3000-Ocken-Parelli-Sattel liegt aber auf den Fotos nicht wie beschrieben hinter der Schulter. Oder soll da hinten nur der Schwerpunkt des Sattels, nicht die Vordekante liegen? Der Druck soll laut Bentaiga vom Trapezmuskel und den Schultern weg auf die Rippen geleitet werden und dies gelingt mit einem Starren, V-förmigen langen Vorderzwiesel der Vaquero-Sättel, dessen leichtere und flexible Neuinterpretation sie anbieten. Die Balance-Satte-Hersteller weisen darauf hin, dass die Frontansicht des Kopfeisens ein umgedrehtes U sein soll, statt des Üblichen Omega um so der Schultermuskulatur Platz zu lassen. Ah, ja, und wieder laut Parelli muß der Schwerpunkt des Sattels weit genug hinten liegen wenn man diesen, weit ab vom Schulterblatt, weiter kaudal zu liegen kommen lässt. Denn dort liegt das vordere Sattelende tiefer als wenn es sich auf der Schulter stützt. Oder sollte man vielleicht doch einfach die gesamte Schulter unter dem Sattel verschwinden lassen so das sie da unten hin und her gleiten kann und wenigstens nicht immer wenn das Pferd mit dem Vorderbein nach vorne ausgreift an die Vorderkante eines direkt hinter der Schulter liegenden Sattelt stößt?
Der Lendenbereich:
Nu soll das Gewicht des Reiters nicht weiter hinten als bis zum Ansatzpunkt der letzten Rippe an der Wirbelsäule liegen, weil’s da ach so empfindlich ist. Und die Nieren… die garnicht da liegen wo es immer heißt… Die Westernreiter sehen das anders, haben allerdings auch wirklich flächige Sättel wo kein Kissen punktuell auf irgendeine empfindliche Stelle drücken sollte. Ähnlich ist es bei den Vaquero-Sätteln. Sie sind hinten sehr flächig und leiden den Druck von oben seitlich auf die Rippen. Ob bei Druck allerdings überhaupt die Nieren etwas davon spüren habe ich mich schon immer gefragt da diese doch unter Schichten von Rippen, Wirbelknochen, Sehnen und Muskeln liegen und, bis auf stichartige starke Mutilationen auch nicht sonderlich druckempfindlich sind. Die Parellis haben neben ihren Westernsätteln mit der gewohnt großen Auflage einen Dressur oder Vielseitigkeitssattel entwickelt, sind allerdings der Meinung, dass man mit Sätteln des “englischen” Typs, auch mit ihren optimierenden Anpassungen, nicht länger als 4 Stunden reiten sollte. Nun ja, die Anhänger des Armeesattels sind da wohl anderer Meinung.
Rutschfestigkeit:
Nun, wenn wir uns entschieden haben wo der Sattel nun liegen soll müssen wir ihn dort auch fixiert bekommen. V-Gurtung, Hinterzeug, Schweifriemen, Vorgurt ( aber dieser verschiebt das Problem irgendwie auch nur vom Sattel zum Vorgurt), vorne aufpolstern und “shimmen”, also vorne aufpolstern oder einfach so fest zuziehen, dass der Sattelgurt sich wie eine Art Korsett eine Taille formt wären da so Ansätze. Wobei man bedenken sollte, dass bei einem Versuch in dem Rennpferden der Sattelgurt mit 5, 10 und 15 kg fest gemacht wurde in dieser Reihenfolge auch einen Leistungsabfall hatten.
Nachgiebigkeit:
Der Sattelbaum soll das Gewicht des Reiters von den Punkten an dem das Gesäß zum Aufliegen kommt auf eine möglichst große und stabile Fläche verteilen oder umleiten aaaber: er soll die Bewegungen nicht einschränken und in der Bewegung nicht zwicken. Ein starrer Baum muß perfekt aufliegen und darf keine Brücke bilden. Ohne Baum birgt die Gefahr, dass er sich durchbiegt und das Gewicht nicht verteilt. Ein flexibler Baum (mit der flexibilität die dem Reiter + Gepäckgewicht angepasst ist und diesen Flexibilitätsgrad auch nach Jahren beibehält) sollte beides erfüllen. Pappelapapp sagen da die Anhänger des starren Baumes und des festen Sitzgefühls. Alles was die Bewegungen von Reiter und Pferd für den jeweils anderen schwammig macht ist unnötig. Das gilt auch für weiche Polster und Luftkissen. Jaa, und Gelkissen sind, wir Aquarienfreunde wissen das von der Isoporunterlage unserer Becken, gefährlich. Da das Material unter Druck nicht beliebig weichen kann enstehen fiese Druckspitzen. Also Streifen oder Löcher rein! Der Einwand der Waberigkeit ist hierdurch natürlich nicht gelöst.
Nähe zum Pferd:
Nah am Pferd wollen wir sein, quasi im Pferd drin, wie ein Zentaur. Oder wollen wir doch, dass Luft zwischen unsere Schwitzenden Hintern und dem Pferderücken wehen kann und dafür auf einer schwebend aufgehängten Sitzfläche Platz nehmen? Wer’s kann der kanns, man sah schon Pferde perfekt under’m Distanz- und Westernsätteln Piaffieren… Ein Sattel der toll passt und nicht tausend Sattelunterlagen braucht sieht chick aus, finde ich, und ist luftiger.
Reiters Sitzposition:
Bewegungsfreiheit baruchen wir für die Hilfegebung und um uns verschiedenen Pferdebewegungen anzupassen. Die Cuttingsättel haben extra große und flachere Sitzflächen damit der Reiter die heftigen Bewegungen des Pferdes ausgleichen kann. So wie beim Rodeo vielleicht. Andere wollen ein festes Sitzgefühl, ihnen ist am liebsten der Reiterschenkel wird von formgebenden Pauschen in Position gehalten. Einwände so ein Reiter könne garnicht ohne Pauschen reiten und würde sich nur auf diese statt auf einen geschmeidigen Sitz verlassen hört man von verschiedenen Seiten (1, 2). Hohe Vorder- und Hinterzwiesel übertragen die Gewichtshilfen wie ein Hebel und geben diesen somit mehr Macht. Ein Pferd, dass verstanden hat was man ihm sagen will braucht allerdings nirgends mehr Druck, nicht im Maul, nicht am Bauch und nicht auf den Rücken. Das sichere Gefühl auf einem Sattel, der durch Pauschen und Zwiesel eine Art Sesselkomfort auslöst, ist dann dahin wenn man das tierische Transportmittel aus irgendwelchen Gründen möglichst schnell verlassen möchte oder wenn man dies bei einem gemeinsamen Sturz nicht mehr schafft und irgendwelche Zwiesel sich mitsamt Pferdekörper in den darunterliegenden, eigenen Oberschenkel drücken.
So. Und nun die Entscheidung für ein Sattelmodell:
Die Westernsättel die ich kenne drücken ganz schön vorne in den Trapezmuskel und Schulter, links und rechts vom Wiederrist und wiegen (einige Kunststoffmodelle ausgenommen) fast so viel wie ich selber. Der Campoflex von Bentaiga hat sich hinten immer hochgehebelt wenn kein Reiter drauf sitzt und das Mirchen hat die ganze Zeit die Ohren angelegt. Den hat sie rausgewählt… Der Omega von Bentaiga war sehr gemütlich für mich. Die Vorderkante des Sattels hatte einen Wulst der sich weiter nach unten zieht als das Kopfeisen und ich mich deswegen Frage wozu er da ist außer um sich in Mirchens Speckwulst zu drücken. Und so frei wie der Beschreibung nach zu vermuten war die Schulter dann doch nicht. Ich müsse eine Kopfeisennummer größer nehmen. Ja, schön, dass der Sattelanprobatör extra angereist kommt um mir zu sagen, dass eine Nummer größer bestimmt passen wird. Hm. Nicht für über 2000 Euronen. Mit dem Wintec habe ich geliebäugelt aber nur kurz probiert. Er ist nach Vorne gerutscht. Ob man dort wirklich wie auf einem Hüpfball sitzt wie Parelli und Theresa Sandin behaupten kann ich nicht wirklich sagen. Der Parelli Sattel hat auch eine aufblasbare Unterlage von der man allerdings, um genannten Effekt zu vermeiden, die Luft nach dem Satteln und Gurten wieder zum großen Teil ablässt. Die Balance Sättel klingen gut. Gibt’s aber nur in England und die verschiedenen Polsterungen und Satteldecken, die miteinander kombiniert werden müssen und immer neu angepasst werden sind zwar toll dynamisch wie der Pferdekörper bedürfen aber auch einer kundigen Handhabung. Der Potrera war gerade in meinem Köpfchen als mir wieder ein so schönes Foto vom Bent Branderup auf dem Hugin vor die Klüsen geraten ist und die Schulter sah so frei aus und die Auflagefläche sah so groß aus und der Bent so zufrieden… Ok, dachte ich mir, warum nicht einen Epona? Die Auflagefläche ist groß aber durch nur eine Lederschicht zwischen Oberschenkel und Pferd sehr nah an diesem. Er sieht schön aus, hat eine V-Gurtung usw. Baumlos…?! war meine erste Reaktion. Ok, mit Lederbaum und und sooo schwer bin ich ja nun auch nicht. Das habe ich dann der Tine verkündet und sie hat mir einen Link zu einem Hidalgo geschickt. Nun kostet der Epona 2200 und der Hidalgo 460 Schleifchen UND den Hidalgo kann man als Sondergröße auch in so kurz bestellen wie man will. Juhuuuu, denn auf’m Mirchen ist von 4 cm hinter Schulterblattende und letztem Rippenansatz nur 45 cm Platz. Kurz Überlegen… Laut eines Samurai-Filmes den ich am Wochenende gesehen habe soll man Entscheidungen innerhalb von sieben Atemzügen fällen. Probesattel bestellt!
Wenn das mit dem Lederbaum nichts ist bleibt mir noch der Bückeburger Schulsattel von Deuber&Partner mit einem verstellbares Kopfeisen und dann doch nicht für so günstig.
Das Mirchen, das ja Mitspracherecht hat, … eigentlich hat sie das Schlusswort… naja, das Mirchen haßt den Hidalgo Sattel. Die Nala hat ihn wohl gemocht aber er hat uns Reitern auch eher so mittel gefallen. Vielleicht hätten die Hersteller als Probesattel einen eingesessenen schicken sollen da ein neuer zur Probe garkeinen Sinn macht außer, dass man bei Rückgabe das Porto selber bezahlen muß was sonst gesetzlich der Verkäufer trägt wenn man eine Wahre in dieser Preisklasse zurückschickt.
Nun ja, das Mirchen mag den Barefoot vom Muli, meinen alten Passier&Söhne Vielseitigkeits-Schwerpunkt-Dressur-Sattel (obwohl ich finde dass er auf die Schulter drückt) und meinen alten Thoroughbred Vielseitigkeitssattel. Den nehmen wir ersteinmal und dann suchen wir also bei Barefoot und Dressur- und Vielseitigkeit. Ich muß zugeben, es gefällt mir, dass man durch den Barefoot-Sattel die Bewegung der Pferdemuskeln fühlt und laut Cavallo-Test scheint er die Pferdeschulter wirklich in Frieden zu lassen.
Die Sattlerei Nock klingt gut und der Philippe Karl (unser Held) hat einen Childeric “Dac” (das Bildchen mit dem Dressurpferd auf der Seite ist unter aller Sau!).
Der ROC hat auch ein interessantes Konzept. Er scheint eine Gute Lösung für Leute zu sein, die sich damit beschäftigen und somit die Polsterung anzupassen fähig sind.
Rebeccas Wintec Vielseitigkeitssattel passt ihr jetzt super, sie mag ihn, er drückt nirgendwo und ich fühle mich nicht übermäßig als säße ich auf einem Hüpfball. Aber vor allem rutscht er nicht mehr nach vorne! Auch nicht wenn wir im Gelände leicht bergab traben und galoppieren.
Studien über die Druckbelastung des Sattels auf den Pferderücken gibt es hier zu lesen.
Nachtrag: Ich habe jetzt einen Balance Sattel und das ist mit Abstand der beste Sattel den ich je benutzt habe!
Die Beratung war ausgezeichnet, Mirchen geht freier den je und ich habe den Sattel “bis auf die Nieren” im Gelände getestet. Er hält in jeder Lage und drückt einfach nicht auf die Schulter.
Er ist absolut empfehlenswert.